KarsamstagsWerkstatt: dem Dazwischen Fassung geben

EINE KREATIVE UND LITURGISCHE WERKSTATT 

mit Annette Platz, Doro Böcker, Birgit Mattausch und Andrea Kuhla
Karsamstag – Zwischentag:
Zwischen Karfreitag und Ostern.
Zwischen Tod und Auferstehung.
Zwischen „schon“ und „noch nicht“.
Tag, an dem man sich fragt, wie es weitergehen kann.
Ob jemals wieder etwas gut wird.
 
Diesem Dazwischen haben wir Raum und Fassung gegeben – 
liturgisch und kreativ. Dies ist der Versuch einer Dokumentation:
 

gut vorbereitet ist halb gespielt – raum, texte und materialien

SpielRaum war uns die Philippuskirche in Berlin-Friedenau. Eine Kirche mit weißen Wänden und einer weißen Decke, die auf die Form eines Zeltes anspielt. Hinter der Orgelempore ist das Zelt offen: Durch eine unterteilte Glaswand schaut man nach Draußen. Es gibt fest installierten Bänke mit Taschenhaken an den Rückseiten und ein Kreuz mit dem geschundenen, sterbenden Leib Christi. Ein Teil der Altarwand ist weiß, dahinter befindet sich eine blau-grüne Mosaik-Glaswand, die den Raum maßgeblich prägt. All diese räumlichen Eigenschaften waren für uns in der Vorbereitung ideengebend.

Der vorgegebene Evangliumstext für den Karsamstag beinhaltet folgende Geschichten: Die Grablegung Jesu, die Wundversorgung und anschließende Grabesverschließung durch Joseph von Arimathäa, sowie das Sitzen der Frauen gegenüber vom Grab (Matthäus 27,57-61). 
Wir haben uns außerdem der Geschichte des Schweißtuches Jesu bedient (Johannes 20,7) und für unseren österlichen Ausblick den Vers „Liebe ist stark wie der Tod“ gewählt (Hohelied 8,6-7a).

Folgende Materialien für die SpielZeit haben wir zur Verfügung gestellt: 
* Mullbinden, Pflaster und Leinen für die Wundversorgung
* Asche und Kohlestückchen für die Trauer
* rohes Ei und Essig in Verbindung mit Passion und Ostern
* serviettengroße Leinentücher als Schweißtücher
* Schreibmaschinen und Kassenrollen zum Verbinden mit Worten
* Kopien des vorgegeben Bibeltextes 
* die Geschichte von Orpheus und Eurydike in der Unterwelt als Anlehnung an Christi Höllenfahrt
*  Kopien von einigen Passionsliedern aus dem Evangelischen Gesangbuch
* Tipp-Ex-Stifte, schwarze Blätter, Scheren, Pflaster und Kohlestifte
* Weiße Kreidestifte

ablauf und liturgie

votum und begrüßung im vorraum 

Votum und Willkommen, dann:

Gestern war Karfreitag – Trauertag.
Morgen ist Ostern – Freudentag.
Heute sind wir dazwischen, am Karsamstag.
Zwischen Gestern und Morgen.
Zwischen Altem und Neuem.
Zwischen Tod und Auferstehung.
 
Heute ist Zwischenzeit.
Und an so vielen anderen Tagen im Leben auch.
Zeiten, in denen nicht klar ist, dass einemmal alles gut werden wird.
Leerlaufzeiten.
Wie, wenn die Spule sich weiterdreht, obwohl der Film schon zu Ende ist.
Und du weißt nicht, ob es eine Fortsetzung geben wird.
 
Karsamstag.
Zwischentag.
Leerlauftag.
 
Was heute ist, soll eine Fassung bekommen.
Eine, die hilft, die eigenen Fassung nicht zu verlieren.
 
Wir werden sehen und hören.
Und Raum haben, eigene Gedanken und Gebete zu schaffen, 
kreativ und jenseits der Worte.
 
90 Minuten nehmen wir uns Zeit dafür.
Wir werden euch durch diese 90 Minuten führen.
Wir werden den Weg durch diese Zeit und durch diesen Raum gemeinsam mit euch gehen.
 
Dabei gilt immer: Tut, was euch gut tut und was dran ist.
Es kann auch sein: Es wird euch zu viel. Zu dicht. Zu traurig. Zu fassungslos. Dann dort für euch: Macht Pause. Setzt euch in eine Bank oder holt euch frische Luft. Alles kann, nichts muss.
 
(Text: Andrea Kuhla)

psalm – in die dornen sehen 

Die Haken an der Rückseite der Banklehnen sehen aus wie Dornen. Zumindest heute.
Eine Armee von Dornen.
 
Einmal hatte ich einen Garten. In seiner Mitte eine riesige Heckenrose. Sie schlang ihre dornigen Triebe um das Haus.
Einmal ging Maria durch den Dornwald.
Einmal stachst du dir die Finger blutig in der Brombeerhecke.
Unserem Herrn setzen sie eine Krone aus Dornen auf. 
Und einmal schlangen sich dornige Triebe um deine Seele. 

Eine Armee von Dornen.

Wir steigen zu ihnen hinab.
 
(Text: Birgit Mattausch)


kyrie – grabversiegelung 

Wir gehen die Orgeltreppen hinunter und versammeln uns unter der Empore vor der leeren und geöffneten Abstellkammer. Darinnen steht ein leuchtendes Grablicht. Wir hören den ersten Teil des Evangeliumstextes – die Geschichte der Grablegung Jesu, seiner Wundversorgung durch Joseph von Arimathäa und der Grabverschließung. Dann folgt Doros und Annettes Performance: 
Sie löschen das Grablicht, dass die Kammer erhellt hat. Dann schließen sie die Tür und verschließen sie mit schwarzem Tape. Sie ruckeln immer wieder an der Tür, um sicher zu stellen, dass das Grab auch wirklich verschlossen ist. Aber die Heftigkeit, mit der sie an der Tür zerren, lässt keinen Zweifel: Das Grab ist fest verschlossen. 
Am Schluss kleben sie die Inschrift „in memoriam“ an die Grabkammer. 
 
 

entfallenes gloria – sitzen und schweigen

Wir gehen gemeinsam zu den Bänken, die wir im Chorraum platziert haben, dem Grab gegenüber. Wir setzen uns und hören den zweiten Teil des Evangeliumstextes – die Geschichte der Frauen, die dem Grab gegenübersitzen. Dann erzählt Birgit etwas zum Schiwa-Sitzen. In jüdischer Tradition ist es Ausdruck der Trauer in den ersten sieben Tagen nach der Beerdigung. Wir schauen zum Grab und schweigen sieben Minuten.
 

ablauf und liturgie

votum und begrüßung im vorraum 

Votum und Willkommen, dann:

Gestern war Karfreitag – Trauertag.
Morgen ist Ostern – Freudentag.
Heute sind wir dazwischen, am Karsamstag.
Zwischen Gestern und Morgen.
Zwischen Altem und Neuem.
Zwischen Tod und Auferstehung.
 
Heute ist Zwischenzeit.
Und an so vielen anderen Tagen im Leben auch.
Zeiten, in denen nicht klar ist, dass einemmal alles gut werden wird.
Leerlaufzeiten.
Wie, wenn die Spule sich weiterdreht, obwohl der Film schon zu Ende ist.
Und du weißt nicht, ob es eine Fortsetzung geben wird.
 
Karsamstag.
Zwischentag.
Leerlauftag.
 
Was heute ist, soll eine Fassung bekommen.
Eine, die hilft, die eigenen Fassung nicht zu verlieren.
 
Wir werden sehen und hören.
Und Raum haben, eigene Gedanken und Gebete zu schaffen, 
kreativ und jenseits der Worte.
 
90 Minuten nehmen wir uns Zeit dafür.
Wir werden euch durch diese 90 Minuten führen.
Wir werden den Weg durch diese Zeit und durch diesen Raum gemeinsam mit euch gehen.
 
Dabei gilt immer: Tut, was euch gut tut und was dran ist.
Es kann auch sein: Es wird euch zu viel. Zu dicht. Zu traurig. Zu fassungslos. Dann dort für euch: Macht Pause. Setzt euch in eine Bank oder holt euch frische Luft. Alles kann, nichts muss.
 
(Text: Andrea Kuhla)

psalm – in die dornen sehen 

Die Haken an der Rückseite der Banklehnen sehen aus wie Dornen. Zumindest heute.
Eine Armee von Dornen.
 
Einmal hatte ich einen Garten. In seiner Mitte eine riesige Heckenrose. Sie schlang ihre dornigen Triebe um das Haus.
Einmal ging Maria durch den Dornwald.
Einmal stachst du dir die Finger blutig in der Brombeerhecke.
Unserem Herrn setzen sie eine Krone aus Dornen auf. 
Und einmal schlangen sich dornige Triebe um deine Seele. 

Eine Armee von Dornen.

Wir steigen zu ihnen hinab.
 
(Text: Birgit Mattausch)
 

kyrie – grabversiegelung 

Wir gehen die Orgeltreppen hinunter und versammeln uns unter der Empore vor der leeren und geöffneten Abstellkammer. Darinnen steht ein leuchtendes Grablicht. Wir hören den ersten Teil des Evangeliumstextes – die Geschichte der Grablegung Jesu, seiner Wundversorgung durch Joseph von Arimathäa und der Grabverschließung. Dann folgt Doros und Annettes Performance: 
Sie löschen das Grablicht, dass die Kammer erhellt hat. Dann schließen sie die Tür und verschließen sie mit schwarzem Tape. Sie ruckeln immer wieder an der Tür, um sicher zu stellen, dass das Grab auch wirklich verschlossen ist. Aber die Heftigkeit, mit der sie an der Tür zerren, lässt keinen Zweifel: Das Grab ist fest verschlossen. 
Am Schluss kleben sie die Inschrift „in memoriam“ an die Grabkammer. 
 

entfallenes gloria – sitzen und schweigen

Wir gehen gemeinsam zu den Bänken, die wir im Chorraum platziert haben, dem Grab gegenüber. Wir setzen uns und hören den zweiten Teil des Evangeliumstextes – die Geschichte der Frauen, die dem Grab gegenübersitzen. Dann erzählt Birgit etwas zum Schiwa-Sitzen. In jüdischer Tradition ist es Ausdruck der Trauer in den ersten sieben Tagen nach der Beerdigung. Wir schauen zum Grab und schweigen sieben Minuten.

 

gebet – riss durch die mitte

Nach Ablauf der sieben Minuten stehe ich auf und zerschlage ein rohes Ei an der ersten Bank. Es ist noch immer still, nur das Zerbrechen der Eierschale ist zu hören. Dann gehe ich zur Kammer und tape einen roten Riss durch die Bankreihen nach vorn. Es ritscht und ratscht.

 

Dann sagt Birgit:

Ein Riss geht durch die Kirche

Damals sei der Vorhang im Tempel zerrissen heißt es.

Von oben bis unten.

Ritschratsch

Die Erde erbebte. Die Felsen zerrissen.

Ein Riss geht durch die Welt

Auch durch dich?

(Text: Birgit Mattausch)

verkündigung – SpielZeit 

Annette leitet in die 30 minütige SpielZeit ein. 

Doro performt mit Asche.

Der gesamte Kirchraum steht uns jetzt zur Verfügung, uns ganz individuell mit dem “Dazwischen” zu beschäftigen, mit dem Vakuum, in dem nichts sicher und klar ist, sondern ungewiss und unscharf.
Hier links vom Altar gibt es ganz viel Asche und Kohlestückchen, auch Papier und Pinsel. Hier kann man malen, in den Ruß eintauchen.
Rechts vom Altar seht ihr Schreibmaschinen, hier kann man schreiben und wer will, das Geschriebene an der Wand befestigen und mit den anderen teilen.
Hier auf dem Altar kann man sich Mullbinden und Tücher nehmen und mit ihnen Körperteile, Wunden, Dinge im Kirchraum, Schweres, Verletzes verbinden, einwickeln und versorgen.
Man kann sich auch einfach einmal auf die Bänke legen, und das Dazwischen, die Lücke versuchen zu erspüren

Im Vorraum gibt es einen großen Tisch mit dem Bibeltext und vielen anderen Texten. Hier kann man Worte angesichts des Ungreifbaren, Unbeschreibbaren finden, oder auch Worte wegstreichen, wenn Worte unpassend erscheinen.
Im Vorraum gibt es außerdem viele weiße Stifte, mit denen man in die Fensterrahmen schreiben kann.

Man kann natürlich auch einfach mal nur sein, oder im Freien Luft holen. Fühlt euch frei, das zu tun, was euch guttut.
Die Orgel wird uns aus dieser Zeit wieder herausrufen. Mit der Musik treffen wir uns dann wieder am Altar.


(Text: Annette Plaz)

 

fürbitte – halten, falten und begraben

Nach 30 Minuten holt uns die Orgel aus dem Spiel ab und wir versammeln uns in den ersten beiden Bankreihen zur gemeinsamen Fürbitte.

Ein kleines, weißes Tuch, serviettengroß.
Ein kleines Tuch, das etwas großes verbirgt.

Damals, zur Zeit Jesu, da war es so:

Beim Essen benutzte der Hausherr so ein Tuch, wie dies hier. 

Eine Serviette. 

Wenn der Herr die Serviette nach dem Essen achtlos zur Seite legte und sich vom Tisch entfernte, dann wusste der Knecht: 

Der Herr hatte seine Mahlzeit beendet. 

Alles war gegessen. 

Er konnte den Tisch abräumen.

Wenn der Herr aber seine Serviette zusammenfaltete und sie sorgfältig platzierte, dann hieß das: „Ich komme wieder“. Dann blieb der Tisch gedeckt.

Ein weißes Tuch, serviettengroß.

Von so einem Tuch erzählt auch die Bibel.

Da steht bei Johannes im 20. Kapitel:

„Und das Schweißtuch, das auf Jesu Haupt gelegen hatte, nicht bei den Leinentüchern, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort.“

Das weiße Leinen erzählt davon, dass es weitergeht.
Dieses Leben, diese Welt – sie sind hier nicht zu Ende.
Die Sache ist noch nicht gegessen,
Der Herr kommt zurück.

Bis dahin ist unser Dazwischen-Sein geborgen,

liebevoll ummantelt und versorgt.

Unser Warten und Harren und Hoffen –

es wird verwandelt werden.

– Pause –

Ich habe hier weiße Tücher.

Wir können sie vor unser Gesicht halten,

und leise unser Gebet hineinhauchen. 

Hineinhauchen, was verwandelt werden soll:

Ein Wunsch – dass er sich erfüllen möge.

Ein Riss – dass er heil werden möge.

Ein Altes – dass es neu werden möge.

(Tücher verteilen)

Lasst uns beten:

Gott,

dein Sohn Jesus ist in unsere Welt hinabgestiegen, 

ist durch Dornen und Risse gegangen,

bis ins Reich des Todes, 

damit sich sie Welt verwandelt.

Dir vertrauen wir an, was uns bewegt,

und hauchen es in weißes Tuch.

Jetzt.

(Hauchen)

Lasst uns behutsam einwickeln, was verwandelt werden soll. 

Den Hauch falten und halten, 

und ihn dann hinaustragen und an einen besonderen Ort legen.

(Rausgehen)

Geheimnisvoller Gott,

wir vertrauen dir an, was unser Herz bewegt, 

und legen es behutsam an einen besonderen Ort:

Wir begraben, was verwandelt werden soll.

Zu Füßen deines Sohnes,

der über unser Warten und Hoffen und Harren wacht.

Einmal wird alles gut, sagst du.

Es hat schon begonnen.

Morgen bricht es auf.


Vater Unser

Amen

(Text: Andrea Kuhla)

Draußen stehe wir im Regen vor dem ausgehobenen Loch. Auf der Innenseite der Glasscheiben kann man das blaue Kreuz sehen, das dort hängt. Genau über unserem Grab. Wir legen – nach und nach, mit Bedacht und in aller Ruhe –unsere Bitten da hinein. Die Atmosphäre ist schwer und dicht wie die Luft im Regen. Aber auch zuversichtlich und voll Vertrauen. Als alle Leinentücher hineingelegt sind, mache ich einen Erdwurf: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Wir beten das Vater Unser. Und während Doro das Grab langsam zuschüttet, summen wir: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt.“

Während wir noch sie Weile um das Grab herum stehen, wird uns bewusst, dass das, was wir hier tun, ein Abschied ist. Er klingt jetzt nur ein bisschen anders.

 

segen

Wir gehen gemeinsam wieder in den Vorraum und stehen da im Kreis. Ich spreche zum Abschluss den Segen, dann verteilen wir vier Akteurinnen unsere Segensgabe: „Liebe ist stark wie der Tod“ – diesen Bibelvers aus dem Hohelied der Liebe hat Annette auf ein Stück Kasserolle geschrieben, eingerollt und mit einem Pflaster fixiert. Wir binden Allen mit Mullbinden ein Röllchen wie ein Versprechen um den Arm, dreimal rum und dann verknoten. Am Ostermorgen darf das Röllchen geöffnet werden. Das ist auch der Tag, an dem mir eine Teilnehmerin ein Foto von unserem Grab schickt. Über Nacht ist darauf eine Blume in den Morgen gedrungen.